• Mike Winter

Erfahrung braucht Zeit

Aktualisiert: März 10

Ein Appell gegen die Oberflächlichkeit, mit der junge Leute und Führungskräfte heute leider überall zu tun haben


Nur weil es einige geschafft haben, in der Garage Produkte oder Anwendungen zu entwickeln, die so revolutionär waren, dass sich darauf heutige Großunternehmen entwickelt haben, heißt das noch lange nicht, dass jeder zwanzigjährige das Gleiche für sich in Anspruch nehmen kann. Nur weil die Firmen heute aus Arbeitskräftemangel gezwungen sind, Studienabbrecher*innen in ihre Entwicklungsprogramme aufzunehmen, heißt das noch nicht, dass jedem/r Studienabbrecher*in eine glänzende Karriere bevorsteht. Nur weil sich so gut wie jeder bei Google und facebook in den einschlägigen Online-Akademien zu scheinbaren Online-Marketing-Expert*innen ausbilden lassen kann, wird nicht jeder damit gleich erfolgreich ins Online-Marketing-Geschäft einsteigen.


Leider bekommen die jungen Leute über verzerrte und geschönte Geschichten in den Medien vermittelt, dass es heute jeder zum Spitzenunternehmer mit Topverdienst schaffen kann. Selbsternannte Gurus predigen als Speaker zu einer Vielzahl von Themen auf You Tube, Facebook und Co. und entwickeln neue Erfolgsweisheiten am Fließband. Meist kombiniert mit mindestens einer E-Book-Veröffentlichung — möglichst nah an der noch vertretbaren Grenze eines Sachbuches von zweihundert Seiten — und anderen begleitenden kommerziell ausgerichteten Aktivitäten.


Auf städtischen Marketingevents und -veranstaltungen tummeln sich viele, die primär mit dem Halten von Vorträgen ihr Geld verdienen und sich selbst gerne auf dem Podium feiern. Leider trifft man immer weniger auf Menschen, die wirklich etwas Fundiertes zu sagen haben. Ein hoher Prozentsatz der Vorträge ist publikumswirksam nach den Grundsätzen der aktuellen Präsentationstechnik, Rethorik und Didaktik auf der Bühne geplant und durchgetaktet. Deshalb sieht das oberflächlich betrachtet sehr professionell aus und hinterlässt Eindruck. Nur in wenigen Vorträgen wird jedoch inhaltlich nachhaltig mit Substanz vorgetragen. Meist bleiben die Dinge an der Oberfläche. Hauptsache, der Effekt für die Selbstvermarktung wurde erreicht und die Einnahme auf dem Konto stimmt.


Weil junge Leute nicht dumm sind, haben viele diese Arbeitsweise bereits für sich adaptiert. YouTube ist mittlerweile voll von Videobeiträgen junger Menschen, die sich möglichst kompetent als Expert*innen zu den unterschiedlichsten Themen ausweisen und ihresgleichen mit selbstentwickelten Lebensweisheiten coachen. Das suggeriert allen Zuschauer*innen und Beteiligten eindrucksvoll, dass es nicht mehr nötig ist, Erfahrung zu sammeln. Jeder kann mit Anfang zwanzig oder sogar noch früher ins große Geschäft einsteigen. Wer die wichtigsten Kniffe und Tricks kennt, wird Erfolg haben. Das macht ältere erfahrene Kolleg*innen überflüssig, die an alten bestehenden Regeln festhalten und vielleicht zurecht mahnend mit ihren über Jahre hinweg erworbenen Kenntnissen im Weg stehen. Denn nachhaltige Expertise braucht Zeit, weil Erfahrung nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum entsteht und nur über längere Zeit hinweg erworben werden kann. Der maximale Lerneffekt tritt ein, wenn erworbenes Wissen mit der Erfahrung von Misserfolgen einhergeht. Misserfolge haben jedoch keinen Platz im beruflichen Umfeld der perfekten Selbstpräsentation mit Gewinnorientierung. Wer bei der Selbstdarstellung der Jüngeren im Weg steht, wird gnadenlos aussortiert.


Auch auf den perfekt gestylten Unternehmens-Webseiten sieht man zunehmend junge Leute Anfang zwanzig mit einer Vita, die der eines/r fünfzigjährigen Expert*in in nichts nachsteht. Es ist erstaunlich, wieviel Reife junge Menschen heute schon nach kurzer Zeit etwa vier bis fünf Jahre nach der pubertären Phase vorweisen können. Sicher gibt es diesbezüglich Ausnahmen. Denkt man jedoch tiefer darüber nach, und scannt seinen Freundes- und Bekanntenkreis, kennt man wahrscheinlich niemanden, der es in fünf Jahren zum Spitzenunternehmer gebracht hat. Reife braucht in der Regel Zeit, die junge Leute noch nicht einbringen können. Das bloße Kopieren von Verhaltensweisen und Methoden erfolgreicher Menschen führt am Ende bei den meisten irgendwann zum persönlichen und oft auch beruflichen Desaster. Hinzu kommt, dass die Auftritte dieser jungen Menschen in den meisten Fällen eher aufgesetzt und unreif wirken — nämlich so wie sie entstanden sind, mittels oberflächlicher Tipps und Empfehlungen und falscher Interpretation von ursprünglich durchdachten Methoden und Konzepten. Dies wollen die meisten nicht wahrhaben. Die Empörung wird groß, wenn es ältere wagen, an dem mühsam aufgebauten Image zu kratzen oder es offen in Frage zu stellen. Die Manipulation kennt in dieser Hinsicht kaum Grenzen. Der in vielen Fällen dahinterstehende gefeierte Narzissmus predigt und verherrlicht den Größenwahn und das nur zum Schein aufgebaute Selbstvertrauen. Es ist also kein Wunder, wenn die jüngeren Generationen, auf diese Art durch ihre eigene Generation perfekt konditioniert, in den Unternehmen und in der Öffentlichkeit auflaufen und ein oft maßlos übersteigertes Selbstbewusstsein an den Tag legen.


Man darf daran zweifeln, ob es für so viele perfekte Menschen genügend Platz in den Führungsrängen der Unternehmen gibt. Es ist sehr schade, dass auf diese Art die Kraft, die Innovation und die Unvoreingenommenheit der jungen Leute im Gemisch von Social Media, Online Marketing und anderen beruflich ausgerichteten Netzwerken verpufft. Wer seine Ergebnisse nicht schnellstmöglich der Allgemeinheit zur Verfügung steht, verliert als Person in der Öffentlichkeit an Wert. Die Halbwertszeit ist meist sehr kurz. Sie entspricht der Zeit, die für den Aufbau von Erfahrung über die oberflächlichen Kanäle aufgewendet wurde.


Wer wirklich führen will, muss sich von diesen Pseudo-Angeboten befreien. Die Plattformen verkommen derzeit inflationär mit Coach-, Beratungs- und Lebensweisheits-angeboten, die in einigen Fällen unglaublich oberflächlich vermittelt und leider auch so angenommen werden. Meist sind die Angebote gekoppelt mit einem direkt oder indirekt im Zusammenhang stehenden Produktangebot, das Geld kostet. Richtig zu führen lernen junge Vorgesetzte nicht in einem fünfzehn Minuten Podcast, einem Online-Film oder perfekt inszenierten Speaker-Vortrag, sondern in der persönlichen täglichen Auseinandersetzung über Jahre hinweg mit anderen Menschen im Berufsalltag. Dazu gehört eine tiefergehende Selbstreflexion ohne Oberflächlichkeit, die ihre Zeit braucht.


Die Meister im Verkauf sind zum Beispiel nicht diejenigen, die plakativ und mühsam in NLP-Verkaufsseminaren gelernt haben, und meist danach von sich behaupten „Ich kann verkaufen.“, sondern ganz im Gegenteil Menschen, die situativ und feinfühlig für alle Beteiligten den größtmöglichen Nutzen herausarbeiten. Die nicht manipulativ, sondern intuitiv arbeiten und dabei ehrlich und authentisch wirken. Der echte Verkäufer wird nicht behaupten, er kann verkaufen, weil er es überhaupt nicht nötig hat, dies zu behaupten. Wenn überhaupt, wird er behaupten, dass er gut auf andere Menschen eingehen kann. Er wird anmerken, dass er die Fähigkeit besitzt, Situationen gut einzuschätzen und dass er sich gut in andere hineinversetzen kann. Diese Fähigkeit hat er wahrscheinlich über Jahre hinweg aufgebaut und greift auf seine Erfahrung zurück. Falsche Verkäufer hingegen sind gezwungen, zu manipulieren, und versuchen, ihre Kunden mit Geschenken und Einladungen zu bestechen. Echte Verkäufer überzeugen mit Aufmerksamkeit, ehrlichem Interesse für den Kunden und dessen Bedürfnisse und zeigen Leistung in der persönlichen Betreuung des Kunden und in der Sache bei den angebotenen Produkten oder Dienstleistungen. Sie stehen zu ihrem Wort mit Handschlagqualität.


Es ist sehr bedauerlich, dass junge Leute und Führungskräfte in den Unternehmen heute dazu gezwungen sind, am allgemeinen Vermarktungs-Zirkus auf den Plattformen im Web teilzunehmen, um gegenüber Ihresgleichen annähernd kompetent dazustehen und zu bestehen. Es sollte bessere Angebote und Möglichkeiten für die Menschen geben, die unsere Zukunft sind und unsere Zukunft in der Hand halten.


Greift man diese Gedanken auf, gehört heute zu guter Führung, dass neben der Vermittlung von Fähigkeiten zur Selbstvermarktung darauf zu achten ist, dass junge Menschen darin unterrichtet und ausgebildet sind, wie sie Erfahrungsprozesse erfolgreich durchlaufen können. Sie müssen vor allem dazu in der Lage sein, Scheinangebote und Blender von professionellen Angeboten zu unterscheiden. Darauf solltest du als gute Führungskraft bei der Ausbildung deiner Mitarbeiter*innen achten und darauf hinweisen.


Danke und Gruß, Mike Winter

0 Ansichten