• Mike Winter

Braucht es Kicker, Tischtennis und Obst?

Aktualisiert: Juli 23


Diana aus Köln, eine der ersten Besucherinnen meiner Autoren-Webseite und alte Bekannte, hat mir eine interessante Frage zukommen lassen, die ich hiermit sehr gerne beantworte:


"Hallo Mike, ich habe die Probeseiten zu deinem Buch gelesen und möchte dir ein paar Fragen stellen: Wie stehst du zu der aktuellen Diskussion in den Medien bezüglich der Vergünstigungen für Mitarbeiter wie zum Beispiel Kicker, Tischtennis-Platten oder anderen Dingen? Glaubst du, das Mitarbeiter dies brauchen und wie glaubhaft ist das aus deiner Sicht, wenn konservative Unternehmen solche Angebote machen?"


"Hallo Diana. Ich fand deine Frage interessant und antworte dir sehr gerne mit den folgenden Gedanken dazu."


Im Zusammenhang mit dem Begriff der „jungen Wilden“, gemeint ist die Startup-geprägte Kultur in jungen digitalisierten, modern aufgestellten Unternehmen, pflegt man heute während des Aufbaus einer neuer Firma oder eines neuen Unternehmensbereiches eine lockere und ungezwungene Arbeitsatmosphäre und duzt sich. Mit Gemeinschaftsbüro in zentraler Lage, Mitarbeiter-Kantine, Fitness-Raum, kostenloser Massage, Kicker, kostenlosem Kaffee und Obst bietet man eine komfortable Arbeitsumgebung an. Das ergänzende Angebot von flexibler Zeiteinteilung suggeriert Freiheit und Life-Balance. In einem Startup kannst du dich kleiden, wie du möchtest. Es ist egal wie du aussiehst, auch wenn du unrasiert zur Arbeit kommst, barfuß am Tisch sitzen möchtest und der Schreibtisch im Chaos versinkt. Hauptsache, du hast was drauf. Du bist für dich selbst und dein Ergebnis in der Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen verantwortlich. Es gibt keine Hierarchieebenen. Deine Chefs arbeiten genauso entspannt wie du.


Bewusst wird, hier vielleicht etwas überspitzt dargestellt, ein neues Bild eines scheinbar lockeren und angenehmen Arbeitsumfeldes vermittelt. Es ähnelt damit dem Angebot mit attraktiven Arbeits- und Lebensbedingungen bei erfolgreichen US-amerikanischen Technologieunternehmen aus Silicon Valley oder Cupertino. So hat ein Startup hierzulande eventuell eine bessere Chance, qualifizierte Arbeitskräfte für eine geringeres Gehalt an Land zu ziehen und kann bei der Mitarbeitersuche einen ähnlichen Spirit vermitteln. Im Unterschied erwirtschaften die amerikanischen Unternehmen jedoch soviel Ertrag, dass neben den Annehmlichkeiten und Zusatzangeboten meist auch eine außerordentlich gute Bezahlung möglich ist. Hier versuchen die heimischen Unternehmen, die Bezahlung möglichst gering zu halten, was gegen Ende qualifizierte Kräfte in die Hände der Amerikaner treibt.

Ob ein Startup nach der Gründerphase in Deutschland oder Europa erfolgreich ist, hängt jedoch genauso wie in allen anderen Unternehmen entscheidend mit guter Führung zusammen. Spätestens, wenn sich erste Geschäftserfolge mit aktivem Kundenkontakt und Geldgebern einstellen, ist eine Anpassung der Unternehmenskultur an die üblichen Regeln des Marktes und der Gepflogenheiten erforderlich. Die Erwartungen der Stakeholder und der Mitarbeiter müssen erfüllt werden. Genau daran scheitern junge Unternehmen sehr häufig. Was die Professionalität von Startups angeht, berichten mir Mitarbeiter aus der Gründerszene, die sich zum Beispiel nach dem Studium einer solchen Tätigkeit gestellt haben, von extrem langen Arbeitstagen bei freier Zeiteinteilung, chaotischen Zuständen in der Zusammenarbeit in nicht vorhandenen Arbeits- und Teamstrukturen, und Abwesenheit von Führung, weil die Geschäftsführer die versprochene Flexibilität in der Zeiteinteilung für sich selbst gerne in Anspruch nehmen. Von den Mitarbeitern wird eine unternehmerische Denkhaltung erwartet, mittels derer sie sich durchbeißen müssen. Es fehlt dabei im Wesentlichen an qualifizierter Führung. Es ist nämlich meist noch nicht geklärt, wie der persönliche Umgang miteinander aussehen, und in welchen Strukturen gearbeitet werden soll. Ein festes Regelwerk für die Zusammenarbeit existiert noch nicht. Entscheidungen werden aus Unwissenheit oder Mangel an Kompetenz verzögert und auf die Mitarbeiterbedürfnisse wird von Seiten der Manager nicht oder nur unzureichend eingegangen.


Häufig steht hinter den Arbeitsangeboten eine ganz andere Absicht. Es geht darum, qualifizierte Mitarbeiter für wenig Geld an den Start zu bekommen. Man erwartet unter anderem von Investorenseite Höchstleistung und maximalen Einsatz für eine minimale finanzielle Entschädigung.

Mitarbeiter, die frisch von der Uni kommen, kennen gute Führung noch nicht und lassen sich von der Aussicht blenden, an etwas Großem teilzuhaben. Natürlich begreifen die Mitarbeiter nach einiger Zeit, dass etwas nicht stimmt — und suchen nach dem Erkennen nach einer weniger abenteuerlichen Aufgabe in einem besser organisiertem Unternehmen. Im Ergebnis wundert sich das Management, wo die eingeforderten Ergebnisse bleiben oder warum die Kündigungsquote plötzlich sehr hoch ist. Nicht umsonst scheitern neun von zehn Startups, bevor sie sich am Markt etablieren können. Nur eines erwirtschaftet in der Anfangsphase Gewinne und kann sich am Markt etablieren.

Werbeagenturen und einige Beratungsunternehmen verwenden dieses Prinzip schon seit Jahren. In moderner Umgebung mit einem Hauch von Design und cooler Unternehmenskultur wird jungen Menschen eine Chance auf Entwicklung angeboten. Weil Entwicklung im Vordergrund steht, fällt der finanzielle Ausgleich eher gering und nicht angemessen aus. Der Arbeits- und Zeitaufwand ist genauso hoch wie die Burn-Out-Quote.

Mittlerweile tun es viele traditionelle Unternehmen den Startup's gleich und bieten in ihren Stellenanzeigen ähnliche Vergünstigungen an, um sich mit Obstkorb, Kicker, Gesundheitsservice, E-Bikes und mehr den Anschein einer modernen mitarbeiterfreundlichen Kultur zu geben. Leider verbirgt sich dahinter oft immer noch der alte antiquierte hierarchisch geprägte Unternehmensstil.


Ein paar Vergünstigungen mehr verändern nicht das Führungsverhalten oder die Führungskultur. Es ist nichts Falsches daran, die Arbeitsumgebung von Mitarbeitern so angenehm wie möglich und mit vielen Vergünstigungen zu gestalten. Dahinter muss allerdings eine dazu passende glaubwürdige Unternehmenskultur mit klaren Regeln und Fokus auf Respekt, Wertschätzung und Produktivität stehen. Nur wenn die Dinge zueinander passen, entsteht die entsprechende Glaubwürdigkeit.


Und wie ich finde, gehört auch eine angemessene Bezahlung dazu. Die Aufgabe guter Führungskräfte besteht unter anderem auch darin, dafür zu sorgen, dass die unterstellten Mitarbeiter angemessen und ihrer Leistung entsprechend entlohnt werden. Dann werden Kicker, Obst und andere Vergünstigungen eher Nebensache und die Zufriedenheit und Motivation der Mitarbeiter steigt über den persönlich erarbeiteten Vorteil.


Danke und Gruß

Mike Winter